André Vonarburg will es noch einmal wissen - jetzt aber wieder in einem Mannschaftsboot Der Sempacher Andé Vonarburg bleibt dem Schweizer Rudersports erhalten. Im Gespräch mit Rudern, Aviron, Canottaggio blickt er auf seine Skiff-Karriere zurück, spricht er über seine neue Ziele und die Liebe zum Doppelvierer.

Von Raphael Nadler

Es kursierte ein Gerücht, dass André Vonarburg nach dem 9. Rang an den Olympischen Spielen in Peking vom Spitzensport zurücktritt. Jetzt ist es zum Glück für den Schweizer Rudersport anders gekommen. Was reizt sie nochmals vier Jahre anzuhängen?
Vonarburg: Nach Peking war für mich klar, dass ich nicht mehr im Skiff weiter rudere, denn meine Möglichkeiten in dieser Kategorie sind ausgereizt. Darum suchte ich das Gespräch mit möglichen Kandidaten für ein Mannschaftsboot. Zum Glück hat sich Florian Stofer bereit erklärt, ebenfalls auf Spitzensportniveau weiter zu rudern. Wir werden nun versuchen mit dem Doppelzweier international Fuss zu fassen und auch ein gutes Umfeld aufzubauen, das uns mitträgt. Florian und ich rudern ja nicht das erst mal zusammen: 2006 erreichten wir an der Schweizer Meisterschaft auf dem Rotsee gemeinsam eine Zeit von 6:19 Minuten. Darauf lässt sich aufbauen.

So wie es sich abzeichnet, fahren Sie zusammen mit Florian Stofer im Doppelzweier. Gibt es noch andere mögliche Paarungen oder gar ein grösseres Boot?
Vonarburg: Das weiss ich zurzeit noch nicht. Ich bin ein Teil der SRV-Kaderathleten und kann nicht bestimmen. Für einen Doppelvierer braucht es sechs gute Ruderer und die stehen heute noch nicht bereit. Sei es, weil sie sich noch nicht entscheiden haben wie es mit ihnen weiter geht oder weil sie noch zu jung sind und sich erst in der U23 etablieren müssen. Florian und ich müssen den Doppelzweier nun projektmässig angehen, denn meine Verträge mit den Sponsoren und Swiss Olympic sind ausgelaufen. Wir spüren aber von Seiten des Verbandes, der Sponsoren und unserem Klub grossen Goodwill und Bereitschaft unsere Idee mitzutragen.

Was wäre denn Ihr Lieblingsboot und Ihre Traumcrew?
Vonarburg: Ich war schon Mitglied in einem schnellen Doppelvierer, das war ein tolles Gefühl. Dafür braucht es aber mehr als vier Leute, die über vier Jahre voll hinter diesem Projekt stehen und es durchziehen wollen. Zudem müssen Perspektiven für sportlichen Erfolg und eine gutes Umfeld vorhanden sein.

Stand auch Mal ein Zweier ohne mit Florian Stofer zur Diskussion?
Vonarburg: Nein, das stand nie zur Diskussion. (lacht) Wir beide sind Steuerbordruderer, das käme nicht gut heraus. Zudem stammen wir aus einem Klub mit Skull-Tradition und haben nur wenig Riemen-Erfahrung.

Wie gross sind die Chancen, dass Sie in London 2012 doch in einem andern Boot am Start stehen?
Vonarburg: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Wir nehmen jetzt Mal das Projekt Doppelzweier in Angriff und schauen Ende Jahr weiter. Wir sind offen für Neues, wenn es Perspektiven auf Erfolg gibt. In den Skiff steige ich aber sicher nicht mehr.

Warum sind sie 2002 überhaupt auf den Skiff umgestiegen?
Vonarburg: Das hat mehrere Gründe. Zum einen war 2002 niemand mehr da, der bereit war, sich professionell dem Rudersport zu widmen und zum andern kam die Zusammenarbeit mit Xeno Müller nicht wie gewünscht zu Stande. So entschied ich mich, es im Skiff zu versuchen und habe es nie bereut, diesen nicht immer einfachen Weg eingeschlagen zu haben. Nach der Lancierung des Achterprojekts gab es zudem keine Möglichkeit mehr, in ein Mannschaftsboot zu wechseln, zumal der Achter für mich nicht in Frage kam.

Sie wurden in Athen 2004 Achter, an den WM 2006, 2007 und in Peking 2008 jeweils Neunter. Zum mehr hat es im Einer an Titelkämpfen nie gereicht. Hat sich der Aufwand und das Experiment Skiff für Sie trotzdem gelohnt?
Vonarburg: Natürlich, das ist gar keine Frage. Ich fuhr im 2008 dreimal ins Weltcup-A-Finale und hatte auch sonst meine beste Saison. Der Abschluss in Peking gelang halt nicht wie gewünscht. Die Zeit im Skiff möchte ich nicht missen. Diese Bootsklasse ist nach wie vor ganz speziell.

Was würden Sie anders machen, wenn Sie nochmals zurück könnten?
Vonarburg: Ich denke nur Kleinigkeiten. Sicher würde ich wieder Rudern, das ist gar keine Frage, denn ich habe viele schöne Dinge in diesem Sport erlebt. Das Rudern hat mich geformt und mir viele wichtige Dinge fürs Leben mitgegeben. Ich würde auch wieder in den Skiff steigen, obwohl ich nie das erreichte, was ich wollte.

Sie singen ja gerne und auch gut (habe ich mir sagen lassen). Was ist aus ihrer Musik-Karriere geworden?
Vonarburg: Die musste ich Ende 2007 beenden, denn rudern und singen brachte ich nicht mehr unter einen Hut. Ich erhöhte meinen Trainingsaufwand im Sportbereich und gleichzeitig entschied sich die Acapellagruppe bei der ich mitsang, noch professioneller zu werden. Weil ich dann oft gefehlt hätte, hörte ich schweren Herzens mit dem Singen auf. Nun singe ich halt ab und zu noch unter der Dusche ...

Was hat Ihnen der Rudersport bisher alles gebracht?
Vonarburg: Sehr viel, ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich habe früh gelernt zielgerichtet zu arbeiten, richtig zu planen und es umzusetzen und mich durchzubeissen. Auch der richtige Umgang mit Sieg und Niederlage erlernte ich schon früh im Ruderclub. Lange habe ich mich über den Rudersport definiert, der über Jahre mein Lebensmittelpunkt war. Erst als ich das Studium zum Betriebswirtschafter an der HSG 2006 abschloss, wurde mir bewusst, dass ich auch noch etwas anderes kann als nur Rudern (lacht)... Das Rudern ermöglichte mir aber auch viele Reisen, schon drei Olympiateilnahmen, tolle Erlebnisse und viele gute Freundschaften.

Und was hat es Sie gekostet?
Vonarburg: Meine Bilanz ist positiv. Durch die Erfolge im Rudersport und die daraus resultierende Unterstützung der Sport Hilfe, aber auch meiner Arbeit in einer Unternehmensberatung wurde ich schon früh finanziell unabhängig und konnte später mein Studium und alles was dazu gehörte, selber finanzieren. Meine Eltern, mein Verein und die treuen Sponsoren und Gönner haben zudem dafür gesorgt, dass ich die Einnahmen aus dem Sponsoring für mich und meine sportlichen Ziele einsetzen konnte.

Rudern wurde von Swiss Olympic weiterhin in Stufe 2 eingeteilt. Welche Auswirkungen hat das für Sie direkt?
Vonarburg: Diese Einstufung erleichtert es uns den Zugang zu allen Fördergefässen von Swiss Olympic. Zudem erhält der Verband dadurch mehr Geld und mehr Unterstützung von Swiss Olympic in verschiedenen Bereichen. Das kommt am Ende wieder den Athleten zu Gute.

Sie hatten in den letzten drei Jahren einen „Top-Athlete-Vertrag“ mit Swiss Olympic. Was heisst das?
Vonarburg: Der Vertrag sichert einem auf den Top-Event Olympische Spiel hin, finanzielle Unterstützung zu. Im 2008, als ich voll aufs Rudern setzte, bekam ich 2000 Franken pro Monat. Der Vertrag ist nun aber ausgelaufen. In nächster Zeit stehen Gespräche mit Swiss Olympic an, wo wir unser neues Projekt vorstellen können und die Verantwortlichen unsere Perspektiven auf Top-Ten-Klassierungen in den internationalen Bewerben prüfen. Für uns wäre wichtig wieder so einen Vertrag zu bekommen, das würde unsere Finanzen erheblich entlasten.

In der Schweiz gibt es ganz wenig Athleten, die wie Sie voll aufs Rudern setzen. Warum?
Vonarburg: Das müssen sie die andern fragen. Ich denke aber, dass die Finanzen mit ein Grund sind. Ich hatte im Skiff die Möglichkeit, die gesamten Werbeflächen selbst zu verkaufen und durfte das Geld auch für mich und mein Projekt verwenden. Zudem wurde ich vom Verband und von meinem Verein, dem Seeclub Sempach, unterstützt. Das können nicht alle Ruderer von sich behaupten. Wer ein Trainingslager selbst finanzieren muss, legt schnell einige tausend Franken hin und diese Auslagen können für eine Spitzensport-Karriere sehr hemmend sein, wenn man sie selber berappen muss. Mit meinem Studium fuhr ich nebst dem Rudern immer auch noch eine zweite Schiene. Wer aber einer festen Arbeit nachgeht, der hat es schwer Spitzensport und Beruf unter einen Hut zu bringen. Noch fehlen in unserem Land Strukturen, wie sie zum Beispiel Deutschland hat, mit den Bundeswehr-Sportlern.

Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, dass der Schweizer Rudersport für junge Leute wieder attraktiver wird und sich der Weg in den Spitzensport lohnt?
Vonarburg: Der erste Schritt ist mit der Einstellung von Christian Stofer als neuer SRV-Direktor gemacht. Er hat selber zwei Olympische Diplome gewonnen, kennt den Schweizer Rudersport in- und auswendig und weiss was es braucht um wieder auf die Erfolgsstrasse zurückzukehren. Es gilt ihn nun von verschiedener Seite zu unterstützen und ihm nicht Steine in den Weg zu legen. Der Rudersport wird aber auch künftig nie die Massen anziehen. Unser Sport fordert schon früh eine grosse Aufopferung. Jugendliche kommen nur selten einfach so zum Rudern, und der zu betreibende Aufwand ist doch riesig und viel grösser als bei den meisten anderen Sportarten. Es gilt vor allem auf Clubebene, die jungen Ruderer zu begeistern. Das hat bei mir auf jeden Fall geklappt!

Sie sind nicht mehr Profi, wie planen sie die nächsten Jahre bis London 2012?
André Vonarburg: Zurzeit absolviere ich bei der Unternehmensberatung Athur D. Little in Zürich ein 100-Prozent-Praktikum bis Ende März 2009. Zweimal pro Tag absolviere ich noch ein Training, da bleibt nicht mehr viel Zeit für anderes übrig. Künftig suche ich aber eine Arbeit als Betriebswirtschafter in der Region Luzern mit einem Pensum bis 50 Prozent. Setzen Florian und ich künftig voll auf Olympia, möchten wir die letzten 18 Monate vor den Spielen aber wieder als Profis rudern können. Sonst sind Erfolgsaussichten schon im Voraus eher gering.

Welche Schwerpunkte setzen Sie sich für das Jahr 2009?
Vonarburg: Wir wollen ein starkes Umfeld aufbauen, im Weltcup Fuss fassen und gute Resultate herausfahren. Ende Jahr sehen wir dann weiter, ziehen Bilanz, stecken uns neue Ziele oder orientieren uns neu.

Persönlich:
Name: André Vonarburg

Wohnort: Luzern

Geburtsdatum:
16.01.1978

Grösse
195 cm

Gewicht
100 kg

Hobbies:
Singen, Biken, Wandern, Skifahren, Langlauf, Rollerbladen

Rudert seit: 1991

Verein: Seeclub Sempach

Trainer: zurzeit Nationaltrainer Tim Foster

Bestzeit Einer:
6:41.99

Bestzeit Ergometer:
5:47.60 (CH-Rekord von 2008)

Grösster Erfolg: Olympia-A-Final mit dem Doppelvierer 2000 in Sydney und den abschliessenden 5. Rang.

Ausbildung: Betriebswirtschafter lic. oec. HSG

Beruf:
Ruderer, auf der Suche

Berufswunsch: (lacht) Ruderer bis 65.

Mag gerne: Freie Abende ohne Termine

Mag nicht: Unnötiger Stress in jeglicher Form

Erstmals gekentert: 1991 im Skiff (Mogli) nach einem Krebs auf dem Sempachersee.

Letztmals gekentert: 2007 im Skiff, im Trainingslager in Linz.

Mein verrücktestes Ruderrennen: Armadacup, weil es in keinem anderen Rennen so einen Kampf Mann gegen Mann gibt und der Massenstart mit 300 Skiff-Booten einmalig ist.

Rudert am liebsten im: Doppelvierer

Würde gerne Mal ins Boot steigen mit: Drei Top-Skiffiers in einen Doppelvierer.

Möchte einmal im Leben folgende Regatta gewinnen: Olympia-A-Final und Henley-Regatta.

Internetseite: www.andre-vonarburg.ch